Neues lernen ist nicht leicht

Neues lernen ist super, doch einfach ist es nicht. Dem müssen wir uns stets bewusst sein, wenn wir von anderen verlangen, sich zu verändern. Eine persönliche Lern- und Erfahrungsreise.

Gerade in den letzten zwei Jahren sahen sich viele von uns gezwungen, aufgrund der Pandemie und der damit verbundenen Homeoffice-Pflicht, sich neue Kompetenzen, wie z.B. den Umgang mit Kollaborationswerkzeugen (Miro & Co. lassen grüssen), anzueignen. Von jetzt auf gleich. Und dies ganz ungefragt. Auf der anderen Seite streben Menschen, sei dies im Beruf oder in der Freizeit, auch freiwillig danach, Neues zu lernen, sich zu entwickeln und zu verbessern. Doch etwas Neues zu lernen ist nicht immer ganz leicht. Es braucht Geduld und viel Übung – Übung macht den Meister – und eine hohe Frustrationstoleranz. Denn es kann alles anderes als angenehm sein, sich plötzlich in einem Bereich seiner Inkompetenz bewusst zu werden und sich in der Rolle des Anfängers wiederzufinden.

Ein Tanzkurs

Vor eineinhalb Jahren wagte ich es, mich für einen Tanzkurs anzumelden. Alleine, ohne Tanzpartner. Inspiriert durch einen Freund, fand ich in Zürich eine Tangoschule, welche Kurse für Einzelpersonen anbietet. Ich hatte bereits etwas Erfahrung im Tanzen. Als Kind versuchte ich mich kurze Zeit in Ballett (hörte aber nach einem Jahr wieder auf, weil mir der Lehrer nicht wirklich sympathisch war) und als Teenager ging ich mehrere Jahre ins Jazztanz (sogar inkl. Wettkämpfe). Somit war ich mit Musik, Takt und Bewegung vertraut – doch was mich im Tango erwartete, und welche Parallelen ich zu meiner beruflichen Tätigkeit als Coach und Organisationsentwicklerin ziehen kann, hätte ich mir nicht erträumen können.

“Wer gehen kann, kann auch Tango tanzen!” So wird Tango gerne angepriesen. Und es stimmt ja auch, im Prinzip. Aber welche Facetten sich dahinter verbergen, aus meiner ganz persönlichen Erfahrung, erläutere ich sogleich.

Schon nach kürzester Zeit hatte mich die Tango-Musik in ihren Bann gezogen. Mir gefällt die vielfältige Gefühlswelt, welche Tango musikalisch ausdrückt. Diese hingegen tänzerisch ausdrücken zu können, erfordert einige Jahre Übung und Erfahrung. Tango baut «… im Gegensatz zu anderen Tänzen, nicht auf dem Reihungs-Prinzip – der Wiederholung des Gleichen – auf, sondern er beruht auf dem Variationsprinzip, der mehr oder weniger kunstvollen Kombination, Entwicklung und Modifikation des Gegebenen» (aus Tangodanza, 2008, Bieler, S. 70). Und somit ist es Aufgabe der «folgenden Person» Impulse der «führenden Person» wahrzunehmen, darauf zu reagieren und – ohne Vorstellung, was als Nächstes kommt – sich ganz auf den Moment einzulassen. Und so ging es los. Laufen. Als «folgende Person» heisst dies primär rückwärts zu laufen. Sich der «führenden Person» Gewahr zu sein, die Verbindung zu ihr zu halten und auf kleinste Impulse zu reagieren.

Wieder Anfänger sein

Was einfach aussieht, ist, wenn man es unter dem Mikroskop betrachtet, ein äusserst schwieriger Vorgang. Schon nach kurzer Zeit fühlte ich mich, als würde ich etwas, dass ich seit rund 40 Jahren kann, plötzlich nicht mehr können. Unter Berücksichtigung diverser Aspekte, wie z.B. die bewusste Steuerung der Körperachse oder Zeitpunkt und Art und Weise der Gewichtsverlagerung, wurde das einfache, bisher im Autopilot erfolgte Laufen zu einem höchst herausfordernden Vorgang. Ich hatte plötzlich das Gefühl, nicht mehr gehen zu können. Ich fühlte mich unfähig, etwas eigentlich so Einfaches zu tun. Und gleichzeitig entdeckte ich die Tiefe und die verschiedenen Dimensionen des «Laufens zur Musik», die Tango mit sich bringt.

Es wurde mir schonungslos vor Augen geführt, wie unangenehm es ist, sich als Anfängerin zu fühlen. Sehen zu können, wie fliessend und (scheinbar) spielerisch einfach sich andere, in den fortgeschrittenen Kursen, bewegen, selber aber zu hadern, einen einzelnen Schritt zum richtigen Zeitpunkt, in der richtigen Länge und im richtigen Bewegungsablauf machen zu können. Ja, Neues zu lernen ist nicht immer ganz einfach. Es ist höchst unangenehm (ich fühle mich unfähig) und erfordert Ausdauer beim Training (Übung, Übung, Übung), um sich zu verbessern. Da war es hilfreich, mir immer wieder das Zitat von Tom Demarco aus Slack (2001, S.178) in Erinnerung zu rufen:

«Training = practice by doing a new task much more slowly than an expert would do it».

Also, etwas Neues zu lernen erfordert Geduld und Zeit. Geduld, nachsichtig mit mir selbst zu sein und nicht zu erwarten, alles gleich auf Anhieb, wie ein Experte zu können und Zeit, die ich mir gebe, um zu üben und zu lernen. Die Verbesserung und Veränderung kommen mit dem Training – Schritt für Schritt.

Und diese (schmerzliche) Erfahrung (sich unfähig fühlen) zeigt sich für mich wunderbar in der Darstellung der Vier Phasen des Lernens (siehe Bild) und schlägt die Brücke in die Arbeitswelt, wenn es darum geht, sich auf Veränderungen einzulassen und Neues zu lernen.

Wenn wir etwas Neues lernen wollen, geht es zunächst darum, sich der Inkompetenz bewusst zu werden. Ich weiss, dass ich etwas (noch) nicht weiss bzw. (noch) nicht kann. Durch Lernen, Üben, Wiederholen kann ich trainieren, mir neue Fähigkeiten aneignen und neue Kompetenzen erlangen. Internalisiere ich diese Kompetenzen und werden sie zur Gewohnheit, so wird diese Kompetenz automatisch abgerufen und erfolgt im «Autopilot-Modus» (unbewusste Kompetenz). Man denke hierbei nur an die ersten Autofahrstunden (zudem damals noch ohne Automat und ohne Servolenkung). Der Vergleich von Gefühl und Erlebnis der ersten Fahrstunde zu heute ist für mich immer wieder erstaunlich.

Die Lernreise geht weiter

Im Sommer 2021, als die Milongas (Tanzveranstaltung, an der u.a. Tango getanzt wird) wieder öffnete, wagte ich mich aus dem sicheren Lokal der Tanzschule aufs «öffentliche Parkett». Die Faszination der Begegnung und Bewegung zur Musik im gegenwärtigen Moment war und ist unermesslich gross und zeigt mir immer wieder, dass die Lern-Reise nie zu Ende geht, man einfach neue Dimensionen erreicht und es Freude bereitet, zu erleben, wie man sich verbessert.

Zwischenzeitlich habe ich einen Tanzpartner und dieser führt mich nicht nur auf dem Parkett, sondern nun auch zu meinem nächsten Lern-Abenteuer. Nämlich auf’s Grün. Ja, ich werde mich im Frühling in bester Begleitung und Betreuung (sein Handicap ist unter 10) auf den Golfplatz wagen. Und ja, ich werde mit Sicherheit auch wieder das unangenehme Gefühl erleben, wie es ist, sich als Anfänger zu fühlen und etwas (noch) nicht zu können. Aber ich werde mir auch mit Geduld und Wohlwollen begegnen und mir Zeit geben, zu lernen sowie einzelne Entwicklungsschritte freudvoll zu feiern.

In diesem Sinne, liebe Manager*innen, Change Agents, Organisationsentwickler*innen und Leader; möge dieser Artikel zu etwas mehr Bewusstheit und Empathie beitragen, was es heissen kann, von sich oder anderen zu verlangen, etwas Neues zu lernen.

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